Schwarzer Schwan
8. November 2020

Gesellschaftlicher Wandel durch Corona?

Von Claudia Haußmann

Einen Teil von diesem Blog Artikel habe ich bereits Ende März unter butterflying.de veröffentlicht. In Bayern war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 2 Wochen der Katastrophenfall aufgrund von Corona ausgerufen worden. Ich nutze nun den Zeitpunkt des Lockdown light im November noch einmal um die Situation zu reflektieren – mit Fokus auf unsere Gesellschaft.


Schwarzer Schwan

Quelle: Schwarzer Schwan am Bodensee auf vol.at

Der Trauerschwan mit schimmernd schwarzen Federn, ein leuchtendroter Schnabel und einem eleganten langem Hals ist eine Seltenheit am Bodensee, da seine eigentliche Heimat Australien ist. Der Schwarzer Schwan (Black Swan) ist daher auch eine Metapher für ein vollkommen unerwartetes Ereignis (Ausreißer) von enormer Tragweite, wie beispielsweise Kriege, Naturkatastrophen, aber auch Epidemien.

Der Corona Virus als Pandemie trifft uns mit voller Wucht und mit all den typischen Merkmalen wie Panik und Angst. Finanzmärkte, Wirtschaft und Gesellschaft werden abrupt aus der Bahn geworfen. Auf der anderen Seite führt dies aber auch zu großen Umbrüchen. Nach solchen Ereignissen ist die Welt danach nicht mehr die selbe und es findet ein Neustart mit veränderten gesellschaftlichen Strukturen statt. Meistens in Form von Verbesserungen, allerdings erst nach dem Durchstehen einer Rezession.

Wir befinden uns derzeit mittendrin und wir wissen nicht wie lange es noch dauert – willkommen in der VUCA Welt. Trotz diesen Umständen sehe ich Chancen und positive Auswirkungen, die sich durch das neue Umfeld ergeben. Sichtbar wird welche Werte für die Zukunft wieder wichtiger werden.


3 positive Chancen durch die Corona Krise

1. Eintauchen in (neue) Formate

Mir persönlich gefällt es sehr gut, dass es viele Experimente gibt. So habe ich an dem 48-Stunden Hackathon #WirVsVirus von der Bundesregierung von Zuhause sowie an verschiedenen Online Barcamps teilgenommen. Im Online Training mit Fokus auf Remote Work lernte ich, wie man Methoden auch interaktiv so nah wie möglich an der Offline Version nun Online durchführen kann. Meine eigene Challenge war es, den agilen Stammtisch ebenfalls online durchzuführen.

Da alles unabhängig von der räumlichen Entfernung möglich ist, kann jeder nun in ein Format reinschnuppern, dass er sich Vor Ort nicht zugetraut hätte.  Auch wenn ich den persönlichen Kontakt immer bevorzugen werde, finde ich die neu geschaffene Möglichkeit eine Bereicherung. Es ist jetzt auf jeden Fall die richtige Zeit sich Weiterzubilden. Vielleicht bleiben auch nach der Krise das ein oder andere Angebot erhalten.

Ich kannte bisher Autokino nur aus alten Filmen und Erwählungen von meinem Vater. Durch Corona haben wir dieses Format im Sommer auch mal ausprobieren können. Dies ist etwas, dass ich auch gerne nach Corona wieder machen will.

2. Neue (digitale) Geschäftsmodelle

In der Vergangenheit haben sehr viele das Online Geschäft verschlafen bzw. nicht ernst genommen. Nun wurden viele wachgerüttelt und stellen sich gerade neu, teilweise auch sehr innovativ, auf. Auch ich bin dabei meiner Kurse auch Online anzubieten.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass es mal eine ausschließliche Briefwahl geben würde? In Bayern hat sich das flächendeckend positiv auf die Wahlbeteiligung ausgewirkt. Vielleicht können wir irgendwann auch mal Online wählen?

Ich freue mich, dass nun viele neue Angebote und Dienstleistungen geschaffen werden, die hoffentlich auch nach der Krise weitergeführt werden. Viele von diesen Angeboten würden für mich persönlich unabhängig der Krise zu einer Basisanforderung zählen. Ein generelles Umdenken ist spürbar.

3. Positiver Wandel der Arbeitswelt

Die meisten Unternehmen sind noch sehr weit weg davon New Work wirklich zu leben. Jedoch zwingt die Krise die Unternehmen dazu über bestehende Strukturen und Arbeitsweisen nachzudenken und andere Wege zu gehen. 

Die Zusammenarbeit wird durch die Krise jeden Tag auf neue auf die Probe gestellt. Es zeigt sich nun, welche Führungskräfte bereits verstanden hat, wie die neue Art der Führung sein muss. Generell werden Werte, wie beispielsweise Vertrauen und Wertschätzung einen anderen Stellenwert einnehmen. Am Ende wird hinsichtlich der Digitalisierung nahezu jeder Bereich profitieren, da beispielsweise die Infrastruktur und Toolandschaft endlich auf dem aktuellen Stand ist.

8 Monate später: Ich bin mir (noch) nicht sicher, ob wirklich viele Unternehmen die Krise als positiver Wandel für sich genutzt haben. Ich nehme wahr, dass dies regional unterschiedlich ist.

Insbesondere für den Bodenseeraum hat sich wenig ins Positive verändert. Von meinem Netzwerk bekomme ich sogar häufig gespiegelt, dass die Führungskräfte im Mittelstand jetzt wieder einen guten Grund haben in ihre alten Muster gehen zu dürfen. Es wird die Ansicht vertreten, dass einer Krise am Besten mit Command & Control begegnet werden kann.

Auf der anderen Seite wird gerade im öffentlichen Sektor das Thema Digitalisierung gepusht. In den ausgeschriebenen Stellen wird sogar die Möglichkeit des Jobsharing angeboten. Hinter der Fassade stellt sich aber heraus, dass das Konzept hinter Jobsharing im Sinne eines gleichberechtigten Tandems gar nicht bekannt ist.

Auf Bundesebene hat es mich besonders gefreut, dass das bedingungslose Grundeinkommen endlich ernsthaft diskutiert wird. Unabhängig davon bin ich schon gespannt auf das Pilotprojekt Grundeinkommen.


Wie könnte unsere Welt nach Corona aussehen?

Das Zukunftsinstitut hat am 15. März 2020 ein Paper mit möglichen Zukunftsszenarien nach der Corona veröffentlicht.

Szenario 3

Neo-Tribes

Nach der Corona-Krise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Es wird mehr Wert denn je auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Kartoffel vom Bauern nebenan ist die neue Avocado, an Poke Bowls im Szene-Lokal denkt niemand mehr. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Szenario 4

Adaption

Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer, mancherorts zeigt sich bereits Stagnation. Unternehmen in solchen Umfeldern brauchen neue Geschäftsmodelle und müssen unabhängiger vom Wachstum werden. Damit stellt sich automatisch die Sinnfrage nach dem Zweck des Wirtschaftens: Immer mehr Profit? Oder vielleicht doch bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen für Kunden und andere Stakeholder? Eines ist klar: Das gemeinsame Überstehen der Krise verhilft zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander.

Szenario 1

Die totale Isolation

Am Anfang war der Shutdown – und der Shutdown ist zur Normalität geworden. Es ist normal, beim Betreten der Metro den Chip im Handgelenk zu scannen oder sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei der Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Für Länder außerhalb der EU muss sogar ein langwieriges Visumverfahren durchlaufen werden. Handelsabkommen einzelner Staaten untereinander gewährleisten die Grundversorgung, aber auch nicht mehr. Wir leben gerne in der totalen Isolation.

Szenario 2

System-Crash

Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht, und sie kommt nicht mehr heraus. Die Fokussierung auf nationale Interessen hat das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen, von Grenzschließungen bis zum Kampf um Klopapier und medizinische Geräte. An die internationale Zusammenarbeit glaubt kaum noch jemand. So wankt die Welt nervös in die Zukunft.

Ich persönlich kann mir für meine Zukunft nur das Szenario 4 vorstellen, alle anderen sind keine Optionen für mich. Dies können wir aber nur gemeinsam beeinflussen. Wer sich mit dem Graves-Value-System beschäftigt hat: Szenario 4 würde bedeuten, dass die Mehrzahl sich mind. bei Grün, wenn nicht sogar in Richtung gelb/türkis entwickelt haben.


Was passiert durch Corona in unser Gesellschaft?

In Deutschland ging im Frühjahr und teilweise im Sommer an vielen Stellen eine Solidaritätswelle durch das Land. Auch das Verhalten der Regierung veränderte sich schrittweise. Es werden Prozesse überdacht und vereinfacht, es wird mehr länderübergreifend gearbeitet.

Allerdings hat sich parallel dazu auch eine gefährliche Gegenbewegung durch Corona-Leugner mit unterschiedlichen Motiven gebildet. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben sich Verschwörungstheorie Anhänger hervorgetan. Für mich persönlich hat diese Denk- und Verhaltensweise nichts mit Quer- oder Klardenken zu tun.

Eine andere Meinung zu haben ist völlig in Ordnung. Jedoch keine andere mehr zu zulassen oder unterschiedliche Quellen zur Meinungsbildung zu verweigern, zeigt von einer fehlende Reife.

Generell ist momentan immer mehr Egoismus in der Gesellschaft spürbar. Ist dies wirklich der Weg, den wir gehen wollen? Haben sich die Werte für unsere Gesellschaft so gravierend geändert?


Ich hätte nie für möglich gehalten, dass wir 2020 ernsthaft darüber diskutieren, ob man alte Menschen und Risikogruppen einfach wegsperren kann, weil Party-Paul weiterhin ausgelassen feiern möchte und Chemtrail-Gabi im Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes eine Diktatur erkennt.

Netzfund bei www.MadeMyDay.com

Wenn ich eine Maske in der Öffentlichkeit trage, möchte ich, dass Du folgendes weisst:

  • Ich bin gebildet genug, um zu wissen, dass ich asymptomatisch sein könnte und Dir trotzdem das Virus geben kann.
  • Nein, ich „lebe nicht in Angst“ vor dem Virus. Ich möchte nur Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems.
  • Ich habe nicht das Gefühl, dass die Regierung mich kontrolliert. Ich habe das Gefühl, dass ich als Erwachsener etwas zur Gesellschaft beitragen kann.
  • Die Welt dreht sich nicht um mich. Es geht nicht nur um mich.
  • Wenn wir alle mit Rücksicht auf andere Menschen leben könnten, wäre diese Welt ein viel besserer Ort.
  • Das Tragen einer Maske macht mich nicht schwach, ängstlich, dumm oder gar „kontrolliert“. Das macht mich rücksichtsvoll.
  • Masken tragen ist nicht politisch. Es ist Ausdruck von gesundem Menschenverstand in dieser schwierigen Zeit.

Buchempfehlung

Für denjenigen, der tiefer eintauchen möchte, habe ich noch nebenstehende Buchempfehlung. Matthias Horx beschäftigt sich damit, wie die Krise unser Denken und Handeln sowie die Gesellschaft verändert.

Wenn du auch einen weiterführenden Buchtipp in diesem Bereich hast, freue ich mich über deinen Kommentar.